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Geometrie, Poesie, Geschichte, Politik

Das schlechte Gewissen der deutschen Täter und der in der neuen Heimat Israel zu Tätern metamorphosierten Opfer. 
Hier wie dort: kognitive Dissonanz.
Die Opfer der Opfer, das sind die arabischen Palästinenser.
Sie sind am Ende der (anthropophagischen)  Nahrungskette.

Die Lösung? Dort, im „Gelobten Land“.

„We don’t have to love each other. We don’t even have to like each other. But we’re doomed if we don’t understand one another“.
Der Konflikt in Israel-Palästina wird in Colum McCanns Kunstwerk Apeirogon offengelegt.

Apeirogon, das ist eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten. Ein Vieleck, ein Faszinosum, das – vom Trigon, Tetragon, Hexagon, Heptagon und – für sich bedeutungsbelastet – dem Oktagon, mit der heiligen Acht (aus der ‚hingelegt‘ das Ewigkeitssymbol ∞ wird) – mit immer größer werdenden Winkeln und Diagonalen, hin zu 180 Grad fast kreisförmig wird.

Ein Zwölfeck – Dodekagon – zum Beispiel hat 54 innere Diagonalen.

Irgendwann hört mit dem Kreis diese Gestalt auf, ein Polygon zu sein …

Während „Apeirogon“ nach und nach seine Seiten ins Unendliche auffächert und in diesem Roman zwei zu Helden werdenden Männer in seiner Mitte rahmt, zeigt sich die Geschichte des Israel-Palästinakonflikts (siehe mein Blog im November 2023)
Das Polygon wird nach der Anzahl „n“ ihrer Ecken auch n-Ecke genannt. Es beginnt, einem Kreis zu gleichen…bis zum 500.Kapitel, Sprung zum eintausendersten (1001,) Kapitel, zum 500., über 499 Kapitel zurück…

Eine Geschichte von zwei Todfeinden, die zu Freunden fürs Leben wurden.

Rami Elhanan, Israeli, Jude, Grafikdesigner, Vater der verstorbenen Smadar – Smadar aus dem Hohelied Salomos, die Weinrebe, die aufgehende Blüte – fuhr mit dem Motorrad von einem Jerusalemer Vorort zum Kloster Cremisan in der mehrheitlich von Christen bewohnten Stadt Bait Dschala, im judäischen Bergland, bei Bethlehem, um sich dort mit Bassam Aramin zu treffen.

Bassam Aramin, Palästinenser, Muslim, Ex-Häftling, Aktivist, Vater der verstorbenen Abir – aus dem Altarabischen, das Parfüm, der Duft der Blütedie als Zehnjährige von einem israelischen Grenzpolizisten in Ostjerusalem erschossen wurde, knapp zehn Jahre nachdem Ramis Tochter Smadar, zwei Wochen vor ihrem vierzehnten Geburtstag, im Westen der Stadt drei Selbstmordattentätern zum Opfer fiel.

Der namenlose Grenzpolizist war achtzehn.

Für Rami und Bassam sind ihre Töchter Opfer von Opfern.
Opfer der andauernden Besatzung Palästinas und der Unfähigkeit der Regierungen, Frieden zu schließen.

Ein Israeli, der gegen die Besatzung ist (viele sind das).  Ein Palästinenser, der den Holocaust studiert hatte (viele hatten das, … wie auch der berühmte Palästinenser Edward Said aus den USA und Freund des jüdischen Argentiniers Daniel Barenboims). Während der Haft lernte Bassam hebräisch und begann sich mit der Shoah auseinanderzusetzen, die er später weiter studierte.

Eine Erkenntnis der Beiden – erst Erzfeinde, heute brüderliche Freunde: „Es wird erst vorbei sein, wenn wir reden.“

Eine Geschichte, die den Konflikt in einem Land, das zwei Völker verwandter Religionen mit völlig anders verlaufenen Jahrtausend-Geschichten als ihre Heimat lieben und verteidigen.

Auch ein Kaleidoskop an Einzigartigkeiten, Besonderheiten der Natur und überraschenden Kontexten.

Auf das 499.Kapitel … die Hälfte … folgt das Eintausenderste (assoziativ Scheherazades ‚Tausendundeine Nacht‘) … danach weiter vom 500sten zurück zum Ersten (‚Die Hügel von Jericho schwimmen in Dunkelheit‘) und , nur abrundbar.

Die Kapitel, häufig nur einsätzig, im Wortsinn monologisch. Verzaubernd, hinreißend.

Zitate als ‚Kapitel‘:

  • Ein echter Palästinenser lebtauf der dunklen Seite des Mondes.
  • Die beste Musik vergisst, dass sie gesungen wird. Sie lebt in uns.
  • Der Ausdruck Mayday, abgeleitet vom französischen Venez maider – Kommt mir helfen –, wurde 1923 in England geprägt.
  • Allmählich dämmerte ihm, was sie miteinander verband: Beide Gruppen hatten früher Menschen töten wollen, die sie nicht kannten.
  • Der jüdische Fanatiker Denis Michael Rohan (August 1969, Minbar, Al Aqsa).
  • Musik sei flüssige Architektur, und erstarrte Musik sei Architektur.

Keine Anekdote: Anfang 1948 schlossen die Bewohner von Deir Yasin ein Nichtangriffsabkommen mit der jüdischen Nachbargemeinde Givat Schaul, doch im April fielen Kämpfer der jüdischen Lechi-Miliz – die sogenannte Stern-Bande – in das Dorf ein und töteten über hundert palästinensische Männer, Frauen und Kinder (75 Jahre später in Gaza, 7.Oktober-Analogie).

rechts: Avram Stern, Anführer der Stern-Bande, zu dessen Angedenken und in Verehrung Israel eine Briefmarke verlegte.

  • Echtes Mauerwerk wird nicht von Mörtel zusammengehalten, sondern von der Zeit.
  • Peace does not demand forgiveness of the unforgivable.
  • Es wird erst vorbei sein, wenn wir reden.
  • … die zweitgrößte Flugroute der Welt: Mindestens vierhundert Vogelarten ziehen in unterschiedlichen Höhen vorbei. In V-Formationen geräuschvoll entschlossen.
  • „Einzelreisende gleiten dicht über dem Gras.“
  • Ein Schwan kann für einen Piloten so tödlich sein wie eine Panzerfaust.

Das Buch beginnt in einem Zustand großer Verwirrung und beschreibt Zugvögel, die Bewegungen von Hubschraubern und die letzte Mahlzeit des verstorbenen französischen Präsidenten François Mitterrand: Fragmente, die normalerweise nicht zu einer strukturierten Erzählung zusammengefügt werden können. „Normalerweise“ aber passt nun garnicht zu  Apeirogon.

… und so fügt sich die Verwirrung Kapitel für Kapitel zu einem spektakulären Tableau von einem Ort und einer Situation, von Nationen und Völkern, von der Trauer und dem Kummer einzelner Menschen und den unzähligen Details, die akribisch über Ungerechtigkeit und schreckliche Taten berichtet werden – und stellt ihnen die Größe und das Wunderbare des Menschen gegenüber.

Vögel spielen eine zentrale Rolle.

Sie symbolisieren den Wunsch nach Bewegungsfreiheit, Frieden und … nach natürlicher Migration.

Eine komplexe Textstruktur, ein Buch, in dem Palästinenser und Israelis Subjekte sind.

Haaretz meint: „Wenn man über beide Männer und die Perspektiven beider sprechen will, wäre es dann gut gewesen, wenn ein israelischer Schriftsteller – oder Palästinenser- dieses Buch geschrieben hätte?“

 

Der Autor ist ein irischer Amerikaner mit der von Freiheitskämpfen und Terror getriebenen Geschichte Irlands und Nordirlands in den Genen.   Apeirogon wurde also zuerst in Englisch veröffentlicht – in 2020.

Logisch, möchte man meinen. 

Sawsan Obeids Übersetzung ins Arabische ist kurz nach der englischen Veröffentlichung als Hörbuch erschienen und von ihr vorgelesen worden. 
Apeirogon wurde auch ins Französische, Italienische, Spanische und Niederländische übersetzt.
Die deutsche Ausgabe folgte in 2023 – dem Jahr des SIEBTEN OKTOBER. Gelesen habe ich Apeirogon in 2025 … und noch nicht zuende verarbeitet …

Elke Heidenreich feierte es („das beste Buch des Jahres“) in der Süddeutschen Zeitung.
Und ins Hebräische?
Es hat sich sehr lange – zu lange – keiner getraut…

Es geht um Israel und Palästina (Gaza und  Westbank) … und Haaretz berichtet gerade (Mai 2026) über die Schwierigkeit, Apeirogon auf hebräisch zu verlegen und in Israel zu verkaufen.
Haaretz: „In Israel, Selling Books About Palestinians Is Now ‚Incitement to Terrorism‘.“

Es geht um Israel und Palästina (Gaza und  Westbank) … und Haaretz berichtet gerade (Mai 2026) über die Schwierigkeiten, Apeirogon auf hebräisch zu verlegen und in Israel zu verkaufen.
Haaretz: „In Israel, Selling Books About Palestinians Is Now ‚Incitement to Terrorism‘.“
McCann, der über Jahre viel Zeit in Israel und Palästina verbracht hat, meint, er habe Apeirogon vor allem für Israel geschrieben. Erst in diesem Jahr 2026 fand er einen Verlag, der sich traute. Noch nicht einmal im ‚universalistischen‘ Haifa („Haifa Is a Bastion of Israeli-Arab Coexistence“) konnte für die Buchvorstellung erstmal kein Ort gefunden werden („Haifa Municipality Seeks to Block Launch of a Book on the Israeli-Palestinian Conflict“).
Der Autor Colum McCann

Um den Dauerkonflikt im Gelobten Land zu verstehen und für beide ‚Ethnien’nicht nur Verständnis zu entwickeln, sondern auch Empathie, ist dieses Apeirogon ein Weg dorthin.

Es sind wieder mal „die Bretter, die die Welt bedeuten“, wo auch in Israel die Wunde offengelegt und beklagt wird: An einem ähnlich universalistischen Ort wie Haifa, in Jaffa: Jaffa Theatre (rechts).

Jaffa, hebräisch: Yaffo, ist in meiner Erinnerung (*) ein wunderbar multikulturelles Gewusel, ist ein tausende Jahre alter Hafen und Tel Aviv, gegründet in 1907, war Vorort von Jaffa.

Heute, umgekehrt, ist Jaffa der Vorort.
Symptomatisch für die Geschichte der 100 Jahre bis heute …

Haaretz schreibt (englische Ausgabe):

„Im bescheidenen Jaffa-Theater, scheint unter minimalistischer und doch detailreicher Regie Brechts wahre Stimme zu erklingen. Auf einer kleinen Bühne, mit minimalistischem Bühnenbild und nur wenigen Darstellern, entfaltet sich der authentischste Kampf für Humanismus und Frieden.

Unerwartet, unverhofft …. Es bricht sich eine Epiphanie wahrer Mitmenschlichkeit Bahn.

Diese Erleuchtung ist Mitgefühl für sie und für uns und den Schmerz über all die Kriege überall, die nichts als Leid hinterlassen.

Yigal Ezratis – Gründer und Leiter des Jaffa-Theaters – und Peters – Regisseur des Stücks – langjähriges, bescheidenes und sisyphusartiges Engagement für die Menschheit ist bewundernswert.

Solange es solche Menschen gibt, gibt es noch Hoffnung!“