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Hannah Arendt und die Erschaffung des Staates Israel

Robert Manne, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der La Trobe University, Melbourne, Australien, hat im Juli diesen Artikel  für Ha’aretz geschrieben.
Ich habe den Artikel übersetzt und meinungsweise ergänzt.
Die Themen in Mannes Arbeiten und Forschungen betreffen hauptsächlich aktuelle Ereignisse primär in Australien oder solche, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem standen, was seinen jüdischen Großeltern und „seinem Volk in Europa widerfahren ist.
Was aktuell in den Westbank-Gebieten, die von der palästinensischen Autonomiebehörde – vorgeblich im Auftrag der israelischen Regierung – verwaltet werden, geschieht, ist nach Meinung auch einer Reihe israelischer Wissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten ein Genozid, mindestens aber ein Politizid*.
Der *Begriff wurde vom Soziologen Baruch Kimmerling, Hochschullehrer an der Hebräischen Universität in Jerusalem geprägt.
Anlass war die Invasion des Libanon durch die IDF in 1982, für die und deren Folgen der Premier Ariel Sharon verantwortlich war. 
Mit „Politizid“ meinte Kimmerling einen Prozess, an dessen Ziel das Ende der Existenz des palästinensischen Volkes als soziale, politische und wirtschaftliche Größe steht.
Manne schreibt in seinem Meinungsbeitrag : „Nach dem bestialischen, von der Hamas angeführten Massenmord an etwa tausend israelischen Juden vom 07.Oktober 2023 (tatsächlich 1200 Morden und 200 Geiseln) begannen die israelischen Streitkräfte mit der gnadenlosen Vernichtung der Bewohner des Gazastreifens und des Gazastreifens selbst.“
„Infolge dieser IDF-Kampagne beginnt für mich jeder Tag damit, dass ich die Analysen über den anhaltenden Albtraum der Palästinenser im Gazastreifen lese, vor allem in der großartigen israelischen Zeitung ‚Haaretz‘. Tiefergründiger versuche ich durch Studium der Geschichte zu verstehen, warum das jüdische Volk in Israel und in der Diaspora, das wohl das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, den Holocaust, erlitten hat, etwa achtzig Jahre später bereit ist, eine Regierung und deren Streitkräfte zu unterstützen, die in Gaza systematisch eine Politik des Völkermords betreiben. So habe Manne sich jetzt erneut mit Hannah Arendts Essays über Israel beschäftigt.
Hannah Arendt gilt heute als die bedeutendste politische Autorin des 20. Jahrhunderts.
Eine Zeitlang war Arendt eine Zionistin ganz besonderer Art – eine Befürworterin nicht eines jüdischen Staates in einem Teil Palästinas, sondern des Rechts der Juden auf eine „Heimat“ in Palästina nach der Katastrophe, die das jüdische Volk in Europa heimgesucht hatte und die 1918 mit den fast vergessenen Pogromen während des russischen Bürgerkriegs begann, bei denen mindestens hunderttausend Juden massakriert wurden, und 1945 mit der Niederlage Nazi-Deutschlands im Krieg endete, nachdem es sechs Millionen europäische Juden ermordet hatte. 
Arendt gehörte in den 1940er Jahren der sogenannten Ihud-Gruppe an, einer Nachfolgeorganisation einer früheren Bewegung namens Brith Shalom. Beide Gruppen waren Teil der zahlenmäßig kleinen zionistischen Denkrichtung, zu der auch einige der jüdischen Intellektuellen gehörten, deren Werke noch heute lesenswert sind, wie Ahad Haam, Martin Buber und Gershon Scholem. Was diese Menschen verband, war die Erkenntnis, dass die Verwirklichung des jüdischen Anspruchs auf eine Heimat im historischen Palästina – das die enteigneten Juden seit mehr als zweitausend Jahren als ihr Gelobtes Land betrachteten – in einer Katastrophe enden würde, wenn die Juden nicht zuerst Frieden mit den Arabern schlossen.
(Ich vertrete seit langem, so auch vor dem 07.10.2023 die Auffassung, daß die Juden – auch im zionistischen Zusammenschluss – über mehr als genug Mittel  verfügten, um sich bereits im osmanischen Palästina „einzukaufen“, unter anderem durch Landerwerb und sich friedlich bei den Indigenen das  Besiedlungsrecht zu erwerben).
In der Sammlung „Hannah Arendt: The Jewish Writings“ stieß Manne auf einen kurzen Aufsatz, aus dem er in seinem Beitrag zitiert.
Der Titel des Aufsatzes lautete „To Save the Jewish Homeland“ (Um die jüdische Heimat zu retten). Man schrieb das Jahr 1948, in dem nach einer Abstimmung der Vereinten Nationen im November 1947 das historische Palästina geteilt und der Staat Israel gegründet wurde.
Es folgen einige der zentralen Argumente des Aufsatzes:
Für Arendt war klar, dass die einstimmige Meinung der Juden zur Gründung eines jüdischen Staates, noch bevor eine jüdisch-arabische Einigung erzielt worden war, in Zukunft unweigerlich zu einer Katastrophe führen würde.
Ein Krieg zwischen Juden und Arabern um Palästina zeichnete sich schon vor 100 Jahren ab.
Das waren – ist immer noch – in neuerer U.S.-Begrifflichkeit keine Einzelkriege, sondern ist ein „Foreverwar„, der tatsächlich nach der 1917-Balfour-Erklärung seinen Anfang nahm (eine Palästina-Erklärung, in der Palästinenser nicht vorkommen) und weiter schwärt oder – wie in Gaza – tobt.
Das Buch dazu: The Hundred Years’War on PALESTINE‘.
Das Urteil von Benni Morris – israelischer Historiker – zu Khalidis Geschichtsarbeit , die Vertreibung der Palästinenser sei nicht nur notwendig gewesen, sondern nicht weit genug gegangen. (Zuletzt fiel Morris mit der wiederholten Forderung auf, Israel möge präventiv Nuklearwaffen gegen den Iran einsetzen).
Mehdi Hasan konfrontierte Morris auf seiner TV-Plattform „Head2Head“ seinerseits mit Geschichtsklitterung. Und Morris beurteilte Khalidis Arbeit mit diesem unter Historikern beliebten Prädikat. 
Alles ganz normal.
So geht das eben mit Geschichte, die eher Geschichten sind … oder summierte Narrative. Siehe hier bei uns 1986 der deutsche Nolte/Habermas-Historiker-Streit 
Also auch schonmal eher Meinung als Zeugnis.
Arendt bei Manne weiter:
Sollte der jüdische Staat „in einer weiteren Katastrophe ausgelöscht werden … würde dies zum zentralen Faktum der jüdischen Geschichte werden und könnte den Beginn der Selbstauflösung des jüdischen Volkes bedeuten.“
Eine derartige Niederlage würde auch eines der großen sozialen Experimente unter den jüdischen Siedlern in Palästina zunichte machen: den nicht-kapitalistischen, kollektivistischen Kibbuz.
Dies wäre einer der schwersten Schläge für die Hoffnungen all jener – Juden wie Nichtjuden –, die sich mit der heutigen Gesellschaft und ihren Maßstäben nicht abgefunden haben und dies auch niemals tun werden.“
Es würde auch die Möglichkeit „einer engen Zusammenarbeit zwischen zwei Völkern zunichte machen, von denen das eine die fortschrittlichsten Errungenschaften der europäischen Zivilisation verkörpert, das andere einst Opfer kolonialer Unterdrückung und Rückständigkeit war. Die Idee einer arabisch-jüdischen Zusammenarbeit … ist kein idealistischer Tagtraum, sondern eine nüchterne Feststellung der Tatsache, dass ohne sie das gesamte jüdische Unternehmen in Palästina zum Scheitern verurteilt ist.“
Arendt befürchtete, dass nach dem Holocaust „das traditionell zionistische Gefühl … inzwischen alle Teile des jüdischen Volkes erfasst hat: die zynische und tief verwurzelte Überzeugung, dass alle Nichtjuden antisemitisch sind …“
Der universelle Antisemitismus der Nichtjuden „wird von den Zionisten mittlerweile als unveränderliche, ewige Tatsache der jüdischen Geschichte angesehen, die sich unter allen Umständen wiederholt, sogar in Palästina.“ Es herrscht mittlerweile fast einhellige Übereinstimmung darüber, dass „die jüdische Erfahrung der letzten Jahrzehnte – oder der letzten Jahrhunderte, oder der letzten zweitausend Jahre – uns endlich wachgerüttelt und gelehrt hat, auf uns selbst zu achten … Alles andere ist dumme Sentimentalität.“ Dies habe zu einer Wandlung des jüdischen Nationalcharakters geführt: „Nach zweitausend Jahren ‚Galut-Mentalität‘“
[– der psychologischen und kulturellen Anpassung der Juden in der Diaspora an die Lebensbedingungen in fremden Ländern –]
… „hat das jüdische Volk plötzlich aufgehört, das Überleben als ein an sich höchstes Gut zu betrachten, und ist innerhalb weniger Jahre ins entgegengesetzte Extrem verfallen. Nun glauben die Juden daran, um jeden Preis zu kämpfen …“ Selbst bis zu ihrem Untergang als Volk.
In äusserster Ausprägung hatten sich Juden in Palästina dem Terrorismus zugewandt.
Arendt forderte „die Beseitigung aller [jüdischen] Terroristengruppen … und ihre rasche Bestrafung“.
Sie bezog sich dabei auf die Irgun, deren Anführer Menachem Begin war, der 1977 Israels Ministerpräsident werden sollte. Wie Arendt schrieb, war die Irgun für „das Massaker von Deir Yassin“ verantwortlich, einem arabischen Dorf, in dem mindestens hundert Männer, Frauen und Kinder ermordet worden waren. Das Deir Yassin-Massaker habe „der arabischen Bevölkerung Angst vor den Juden eingeflößt“ und damit zur massenhaften „Evakuierung“ von – wie sie bald zu glauben begann – 500.000 palästinensischen Arabern beigetragen, einem Ereignis, das heute als „Nakba“ bekannt ist. (Neuere wissenschaftliche Untersuchungen beziffern die Zahl der palästinensischen Araber, die 1948 getötet wurden oder aus ihrer Heimat flohen, auf 700.000.)
Die Irgun war auch für die Bombe verantwortlich, die „in eine Reihe arabischer Arbeiter vor der Raffinerie in Haifa“ geworfen worden war.
„Die politischen Implikationen dieser Taten … sind in beiden Fällen nur allzu deutlich: Sie richteten sich gegen jene Orte, an denen die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Arabern und Juden noch nicht vollständig zerstört waren; sie sollten den Zorn des arabischen Volkes schüren, um die jüdische Führung von jeglicher Versuchung zu Verhandlungen abzuhalten.“ 
 … und über die Terrorgruppe Irgun Zvai Leumi (IZL) aus der die Freedom Party entstand. IZL geht aus dem revisionistischen Zweig der Zionisten hervor, in der weiteren Entwicklung der Likud(-Block). Das ist eine weitere Geschichte.  
Anlaß damals – 1948 – war der bevorstehende Besuch Begins.
Ein Vergleich mit Aktualität – 2026 – ist zulässig. 
Als ein Beleg der Sorge dient ein Brief, den die Mitglieder der IHUD-Gruppe (außer Hannah Ahrendt, Albert Einstein und anderen in der akademischen Welt hoch geachteten jüdischen Intellektuellen und Wissenschaftlern) am 4.Dezember 1948 an die New York Times schrieben.
Vordergründig als Information über die neue Freedom Party mit ihrem Führer Menachem Begin, vor allem aber, um auf die faschistoide (ja, ausgerechnet Juden!) Ausrichtung dieser Partei aufzuklären.

Die nicht mehr anwendbare Folge: ein, oder tatsächlich, der arabisch-jüdische Krieg.  
Arendt in ‚The Jewish Writings‘:
„Man kann viele Schlachten gewinnen, ohne einen Krieg zu gewinnen … Selbst wenn die Juden den Krieg gewinnen sollten … würden die ‚siegreichen’Juden umgeben von einer gänzlich feindseligen arabischen Bevölkerung leben, abgeschottet innerhalb ständig bedrohter Grenzen, so sehr mit ihrer physischen Selbstverteidigung beschäftigt, dass alle anderen Interessen und Aktivitäten in den Hintergrund treten würden … Das wäre das Schicksal einer Nation, die – ganz gleich, wie viele Einwanderer sie aufnehmen könnte und wie weit sie ihre Grenzen ausdehnen würde (ganz Palästina und Transjordanien ist die wahnwitzige Forderung der Revisionisten*) – dennoch ein sehr kleines Volk bliebe, das zahlenmäßig von feindlichen Nachbarn weit übertroffen wird.“
Das schrieb Arendt vor 80 Jahren.
Derzeit erstrecken sich Israels De-facto-Grenzen über das Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer hinaus und umfassen die syrischen Golanhöhen; den Südlibanon jenseits des Litani-Flusses bis hin zum Zahrani-Fluss; sowie drei Viertel des Gazastreifens. Israels Militäroperationen werden in Israel mittlerweile gemeinhin als „Krieg der Wiedergeburt“ bezeichnet, eine Bezeichnung, die Netanjahu bereits im März 2025 verwendete.
Professor Manne weiter:
Arendts prophetische politische Vorstellungskraft ermöglichte es ihr, vorauszusehen, was aus Israel in den vergangenen fast achtzig Jahren geworden ist.
Hannah Arendt schlug daraufhin eine Alternative zu der derzeitigen, weltweit nahezu unangefochtenen jüdischen Unterstützung für das zionistische Projekt einer sofortigen jüdischen „Staatsgründung“ im geteilten Palästina vor – nicht nur als bloße „Heimstatt“ im Sinne der Balfour-Erklärung von 1917. Ihre vorgeschlagene Alternative war die schrittweise Entwicklung hin zu einer binationalen jüdisch-arabischen Föderation in Palästina, die auf „lokaler Selbstverwaltung und gemischten jüdisch-arabischen Stadt- und Landräten in kleinem Maßstab und in einer Vielzahl von Pseudo-Souveränitäten eines jüdischen Staates“ basieren sollte, unter einer Treuhandschaft der Vereinten Nationen über Palästina, unterstützt durch die militärische Macht der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs. „Solange sowohl jüdische als auch arabische Führer behaupten, es gebe ‚keine Brücke‘ zwischen Juden und Arabern … kann das Gebiet nicht der politischen Weisheit seiner eigenen Bewohner überlassen werden.“ 
„Leider laufen solche Vorschläge in einer hysterischen Atmosphäre nur allzu leicht Gefahr, als ‚Dolchstoß‘ oder als unrealistisch abgetan zu werden. Sie sind weder das eine noch das andere; sie sind im Gegenteil der einzige Weg, die Realität der jüdischen Heimat zu retten.“ „Es ist noch nicht zu spät.“
Manne: „Leider war es das doch.
Und die Vorstellung vom Dolchstoß begleitet uns auch nach achtzig Jahren noch immer.“ 
Hannah Arendt arbeitete mehrere Jahre lang eng mit dem Gründer von Ihud, Judah Magnes, zusammen, jenem amerikanischen Juden, der seit 1925 Präsident der Hebräischen Universität war. 
„Leider laufen solche Vorschläge in einer hysterischen Atmosphäre nur allzu leicht Gefahr, als ‚Dolchstoß‘ oder als unrealistisch abgetan zu werden. 
Magnes war der führende Vertreter der zionistischen Bewegung, er hatte jahrzehntelang darauf hingewiesen, dass ohne ein politisches Abkommen zwischen Juden und Arabern eine Katastrophe unvermeidlich sei.
Er war auch der führende Verfechter einer möglichen alternativen Zukunft für Palästina, die auch Arendt unterstützte: eine binationale arabisch-jüdische Föderation, die auf einer Phase beruhte, in der Palästina unter eine von den Vereinten Nationen gebilligte, von den Vereinigten Staaten geführte Treuhandschaft gestellt werden sollte. 
Magnes war von der drohenden Katastrophe so überzeugt. Es wurde ihm am 5. Mai 1948 mit Unterstützung des US-Außenministers George Marshall ein Gespräch mit dem US-Präsidenten Harry Truman gewährt. Truman hörte sich Magnes’ Plädoyer, Israels Anspruch auf Staatlichkeit nicht anzuerkennen, sondern die Idee einer Treuhandschaft über Palästina zu unterstützen, mit verständnisvoll an.
Einige Tage später stimmten die Vereinigten Staaten jedoch der Gründung des jüdischen Staates Israel im geteilten Palästina zu.