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Hannah Arendt und die Erschaffung des Staates Israel

Robert Manne, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der La Trobe University, Melbourne, Australien, hat im Juli diesen Artikel  für Ha’aretz geschrieben.
Ich habe den Artikel übersetzt und „etwas“kommentiert.
Die Themen in Mannes Arbeiten und Forschungen betreffen hauptsächlich aktuelle Ereignisse primär in Australien oder solche, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem standen, was seinen jüdischen Großeltern und „seinem Volk in Europa widerfahren ist.
Was aktuell in den Westbank-Gebieten, die von der palästinensischen Autonomiebehörde – vorgeblich im Auftrag der israelischen Regierung – verwaltet werden, geschieht, ist mindestens ein Politizid („systematische Zerstörung, Auslöschung oder Auflösung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Existenz einer Gruppe oder eines Volkes“) – der Begriff wurde vom Soziologen Baruch Kimmerling, Hochschullehrer an der Hebräischen Universität in Jerusalem, geprägt. Anlass war die Invasion des Libanon durch die IDF, für die und deren Folgen der Premier Ariel Sharon verantwortlich war. Mit Politizid meinte Kimmerling einen Prozess, an dessen Ziel das Ende der Existenz des palästinensischen Volkes als soziale, politische und wirtschaftliche Größe steht.
Manne schreibt in seinem Meinungsbeitrag : „Nach dem bestialischen, von der Hamas angeführten Massenmord an etwa tausend israelischen Juden vom 07.Oktober 2023 (tatsächlich 1200 Morden und 200 Geiseln) begannen die israelischen Streitkräfte mit der gnadenlosen Vernichtung der Bewohner des Gazastreifens und des Gazastreifens selbst.“
Eine Zeitlang war Arendt eine Zionistin ganz besonderer Art – eine Befürworterin nicht eines jüdischen Staates in einem Teil Palästinas, sondern des Rechts der Juden auf eine „Heimat“ in Palästina nach der Katastrophe, die das jüdische Volk in Europa heimgesucht hatte und die 1918 mit den fast vergessenen Pogromen während des russischen Bürgerkriegs begann, bei denen mindestens hunderttausend Juden massakriert wurden, und 1945 mit der Niederlage Nazi-Deutschlands im Krieg endete, nachdem es sechs Millionen europäische Juden ermordet hatte.
Arendt gehörte in den 1940er Jahren der sogenannten Ihud-Gruppe an, einer Nachfolgeorganisation einer früheren Bewegung namens Brith Shalom. Beide Gruppen waren Teil der zahlenmäßig kleinen zionistischen Denkrichtung, zu der auch einige der jüdischen Intellektuellen gehörten, deren Werke noch heute lesenswert sind, wie Ahad Haam, Martin Buber und Gershon Scholem. Was diese Menschen verband, war die Erkenntnis, dass die Verwirklichung des jüdischen Anspruchs auf eine Heimat im historischen Palästina – das die enteigneten Juden seit mehr als zweitausend Jahren als ihr Gelobtes Land betrachteten – in einer Katastrophe enden würde, wenn die Juden nicht zuerst Frieden mit den Arabern schlossen.
(Ich vertrete seit langem, so auch vor dem 07.10.2023 die Auffassung, daß die Juden – auch im zionistischen Zusammenschluss – über mehr als genug Mittel  verfügten, um sich bereits im osmanischen Palästina „einzukaufen“, unter anderem durch Landerwerb und sich friedlich bei den Indigenen das  Besiedlungsrecht zu erwerben).
In der Sammlung „Hannah Arendt: The Jewish Writings“ stieß Manne auf einen kurzen Aufsatz, aus dem er in seinem Beitrag zitiert.
Der Titel des Aufsatzes lautete „To Save the Jewish Homeland“ (Um die jüdische Heimat zu retten). Man schrieb das Jahr 1948, in dem nach einer Abstimmung der Vereinten Nationen im November 1947 das historische Palästina geteilt und der Staat Israel gegründet wurde.

Hier sind einige der zentralen Argumente des Aufsatzes:
Für Arendt war klar, dass die einstimmige Meinung der Juden zur Gründung eines jüdischen Staates, noch bevor eine jüdisch-arabische Einigung erzielt worden war, in Zukunft unweigerlich eine Katastrophe bedeuten würde.
Ein Krieg zwischen Juden und Arabern um Palästina zeichnete sich nun ab. Sollte der jüdische Staat „in einer weiteren Katastrophe ausgelöscht werden … würde dies zum zentralen Faktum der jüdischen Geschichte werden und könnte den Beginn der Selbstauflösung des jüdischen Volkes bedeuten.“
Eine derartige Niederlage würde auch eines der großen sozialen Experimente unter den jüdischen Siedlern in Palästina zunichte machen: den nicht-kapitalistischen, kollektivistischen Kibbuz.
Dies wäre einer der schwersten Schläge für die Hoffnungen all jener – Juden wie Nichtjuden –, die sich mit der heutigen Gesellschaft und ihren Maßstäben nicht abgefunden haben und dies auch niemals tun werden.“
Es würde auch die Möglichkeit „einer engen Zusammenarbeit zwischen zwei Völkern zunichte machen, von denen das eine die fortschrittlichsten Errungenschaften der europäischen Zivilisation verkörpert, das andere einst Opfer kolonialer Unterdrückung und Rückständigkeit war. Die Idee einer arabisch-jüdischen Zusammenarbeit … ist kein idealistischer Tagtraum, sondern eine nüchterne Feststellung der Tatsache, dass ohne sie das gesamte jüdische Unternehmen in Palästina zum Scheitern verurteilt ist.“
Arendt befürchtete, dass nach dem Holocaust „das traditionell zionistische Gefühl … inzwischen alle Teile des jüdischen Volkes erfasst hat: die zynische und tief verwurzelte Überzeugung, dass alle Nichtjuden antisemitisch sind …“
Der universelle Antisemitismus der Nichtjuden „wird von den Zionisten mittlerweile als unveränderliche, ewige Tatsache der jüdischen Geschichte angesehen, die sich unter allen Umständen wiederholt, sogar in Palästina.“ Es herrscht mittlerweile fast einhellige Übereinstimmung darüber, dass „die jüdische Erfahrung der letzten Jahrzehnte – oder der letzten Jahrhunderte, oder der letzten zweitausend Jahre – uns endlich wachgerüttelt und gelehrt hat, auf uns selbst zu achten … Alles andere ist dumme Sentimentalität.“ Dies habe zu einer Wandlung des jüdischen Nationalcharakters geführt: „Nach zweitausend Jahren ‚Galut-Mentalität‘“
[– der psychologischen und kulturellen Anpassung der Juden in der Diaspora an die Lebensbedingungen in fremden Ländern –]
… „hat das jüdische Volk plötzlich aufgehört, das Überleben als ein an sich höchstes Gut zu betrachten, und ist innerhalb weniger Jahre ins entgegengesetzte Extrem verfallen. Nun glauben die Juden daran, um jeden Preis zu kämpfen …“ Selbst bis zu ihrem Untergang als Volk.
In äusserster Ausprägung hatten sich Juden in Palästina dem Terrorismus zugewandt.
(Ich denke heute, etwa hundert Jahre nach diesen Entwicklungen in der ersten Schreckenshälfte des 20.Jahrhunderts … mit neuem Wissen über das Menschsein an Konrad Lorenz, Arthur Koestler …).