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Die Kinder von Teheran

Kein road movie für 871 polnische Kinder jüdischer Religion – 
von Ostpolen über Russland, Kasachstan, Usbekistan, Iran und Indien (Karachi vor der Trennung Indiens und der Gründung Pakistans) – mehr als drei Jahre unterwegs auf über 20.000 km nach Palästina (1939-1943)

 

 

Eher ein Mythos, im ursprünglich altgriechischen Sinn, ein Ereignis, das in seiner Gewalt- und Elendserfahrung, aber auch Komplexität den Nachkommenden und Leser überwältigt. Mikhal Dekel erzählt die fast nicht erzählbare und streckenweise schwer erträgliche Fluchtgeschichte ihres Vaters, ihrer Familie, die 1939 vor der heranrückenden deutschen Vernichtungsmaschine aus Ostpolen floh. Eine Flucht, die in die Sowjetunion hinein ihren Anfang nahm und die für die Kinder der Teitels (hebräisiert: Dekel) nach fast vier Jahren und über eine Distanz entsprechend einer halben Erdumrundung  im Yishuv*, dem 1943-Noch-Nicht-Israel Palästina endete.

Foto zeigt die gutbürgerliche Familie Teitel 1939 unterwegs in Ostrów Mazowiecka, Polen – vorn und ganz links Mikhal Dekels 12-jähriger Vater Hannania, daneben ihre Tante ReginaFlucht weg von Hitler, hin zu Stalin sechs Tage nach Deutschlands Invasion am 06.September 1939.

*Yishuv: ist der körperschaftliche Vorgänger des israelischen Staats. Der Yishuv war seit den 1880ern der Sammlungsort aller Juden „im Lande Israel“.

Die Autorin Mikhal Dekel – Foto – , 1963 in Haifa, Israel geboren, ist israelisch-US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin. Aleida Assmann, deutsche Anglistin, Ägyptologin und Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, hat die deutsche ÜbersetzungDie Kinder von Teheranmit einem Beitrag ergänzt: “ … seine (ihres Vaters) Holocaust-Erfahrung ist kein Bestandteil der Familienkommunikation geworden. Die Tochter kannte zwar die Fakten aber nicht die Geschichte. Erst vierzehn Jahre nach seinem Tod begann sie mit ihrem Lebensprojekt: seine Geschichte für sich, für ihn, für uns alle aus den noch erreichbaren Dokumenten und Spuren zusammenzutragen. Mit seiner konsequenten Mischung der Schreibweisen und Zeitebenen ist das Buch, das die Gattungen Holocaustzeugnis, Erinnerungsreisen und historische Abhandlung miteinander verbindet, zudem eine beeindruckende literarische Innovation. Es umfaßt die Geschichte seiner eigenen Entstehung, … die Rekonstruktion der Geschichte des Vaters, seiner Eltern und Geschwister … , Mikhal Dekels „Wallfahrt“(sie bereist die Stationen des Vaters und seiner Geschwister), die Gespäche und Interviews vor, auf und nach der Reise und einen reichen Schatz an Literatur und Quellen.“

Der Holocaust-Forscher und Historiker Raul Hilberg antwortete in 2018 auf eine entsprechende Frage des österreichischen Standard sinngemäß: 20 % des Holocaust sind erforscht.
Fast 80 Jahre danach nur 20%?

Immerhin gilt heute der Holocaust als das „am besten dokumentierte und erforschte Menschheitsverbrechen“. Hilberg erklärte: die Holocaustforschung nahm erst in den 90ern Fahrt auf, „weil man lange Zeit alles nicht so genau wissen wollte, die Quellen in Osteuropa noch nicht annähernd erschlossen…“ … wohl auch während des „Kalten Kriegs“ nicht zugänglich waren. Ergänzend dazu: in den Familien – sowohl den jüdischen als nicht-jüdischen – waren Holocaust-Geschichten, – Erfahrungen, die selbst erlittenen Traumata – häufig tabuisiert. 

Die industrielle Methodik und die für diese perfide Perfektion typische Bürokratie der deutschen Mörder hat andererseits mit der perfekten deutschen Buchführung einen Beitrag zur Erfassung und der Erforschung des Holocaust geleistet. Das System, mit dem die Täter die Spuren tilgten, war aber nicht perfekt …

Fast alle nicht ermordeten Juden Europas  wurden Flüchtlinge: auf ihrer Flucht gerieten sie durch Freunde in die Internierungslager, durch Feinde in Konzentrations- und Vernichtungslager Freunde der fliehenden Juden gab es damals (aus aktueller Erfahrung ’sogar‘) im Iranals die ersten Anzeichen für den Holocaust sichtbar wurden, überzeugte die iranische Regierung die deutschen Nazi-Rasseexperten, dass iranische Juden in Iran seit mehr als 2.500 Jahren als vollkommen assimilierte iranische Bürger lebten und als solche vollkommen Anspruch auf alle Bürgerrechte im Iran haben.

Anregung zu diesem Buch kam von Dekels Kollegen Salar Abdoh, dem iranstämmigen Kollegen und Associate Professor am City College of New York. Salar half auch ausgiebig bei den Recherchen zu diesem an soliden Fakten so reichen Werk. 

Fast 1400 polnische Juden, darunter 871 Kinder gelangten nach Teheran, wo sie nach jahrelanger Exilierung, Zwangsarbeiterschaft im Gulag und chaotischen Verlegungen wenige Monate in relativer Sicherheit lebten, bis sie endlich in Palästina … ihre zufällige, erzwungene Wanderschaft in Viehwagen und  in Fußmärschen über mehr als 20.000 km von Polen bis Palästina vollendeten. Der Verlauf der Flucht (mit zwei Fingern vergrößern und lesbar machen) kann auf der abgebildeten Karte verfolgt werden.

Die Schilderung ihres Leidenswegs ist repräsentativ für Millionen, die wie sie Mißbrauch, Krankheiten und Hunger erlitten.
Die Bilder zeigen das Innere eines Viehwaggons für Gulag-Verbannte und Flüchtlinge (links), eine Fußmarschkolonne (Mitte) und Kinder bei Ankunft im Teheraner Krankenhaus (rechts).

… aus dem Nachwort Aleida Assmanns: „… es zeigt für heutige Leser auch schonungslos auf, was sich heute in der Türkei und auf griechischen Inselnvor der Haustür Europas abspielt und was wir den Menschen schulden, die ihren staatlichen Schutz verloren haben. Aller Rechte beraubt sind sie auf ihre nackte Existenz reduziert, bis sie ein Land finden, das ihnen Schutz und die Rechte gewährt, die die Grundlage für jede menschliche Existenz bilden. Das Entscheidende ist der Perspektivwechsel, zu dem uns die Autorin verhilft. Wir schauen nicht auf die Flüchtlinge, sondern sehen die Welt mit ihren Augen. Wer noch eine  von der UN-Organisation geförderte und online gestellte Unterhaltung der Autorin mit Aleida Assmann sehen will, der beklicke diesen Link.
https://media.un.org/en/asset/k1v/k1v3hswwqz

eine Stunde, beginnend mit Frau Assmanns Zusammenfassung, sehr erlebenswert … mit zusätzlichen Erkenntnissen.de

Die glückliche Ankunft in Palästina. Ein“Reiner Zufall“?

Die glückliche Ankunft der Kinder nach der letzten Etappe, der Seereise von Abadan im Iran durch den persischen Golf mit Umweg über Karachi, vorbei an Aden und durch das Rote Meer durch den Suez-Kanal, in Al Qantara von Bord, weiter im Zug nach Atlit bei Haifa, ist in doppelter Hinsicht glücklich gewesen. 

Bedrohlich Gleichzeitiges im Grossraum der HandlungIm Verlauf des Jahres 1942 drohte aus Nordafrika, aus dem Westen und über das Schwarze Meer, die herannahende deutsche Wehrmacht. Als Rommels Armee bis auf 100 km an Alexandria heranrücken konnte, brach auch im Yishuv Panik aus und man bereitete sich entweder auf einen neuen Exodus oder den Partisanenkrieg vor. Im gleichen Jahr (Februar 1942) sank das Schiff Struma mit 800 jüdischen Flüchtlingen im Schwarzen Meer. 

Foto zeigt Vater Hanan Dekel 1965 mit Tochter Mikhal.                                                         Die Niederlagen der Wehrmacht in El Alamein (Oktober/November 1942) und in Stalingrad (Februar 1943) brachten den Hebräern im Yishuv die Erlösung … und leitete die Niederlage Hitler-Deutschlands und der europäischen Achsenmächte ein. 

Die Rollen der Araber in Palästina und den anderen britischen Protektoraten des Nahen Ostens  und der Briten war feindselig bis zynisch. Der Untergang der Struma ist auf absichtliches Versagen der Briten zurückzuführen.

Mehr darüber in Dan Diners „Ein anderer Krieg“: 
Die Rettung Yishuvs … und somit auch der Kinder war „Ein reiner Zufall“(Dan Diner).

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