„Der Westen“: ein Fall kollektiver Dummheit … oder „faustischer Pakt“
6. Juni 2022/
Der russische Schriftsteller Viktor Jerofeev erklärt in der ZEIT dieser Woche, „warum es dem Westen trotz besseren Wissens so schwerfällt, in Putin den Aggressor zu sehen, der er ist“ („Ein blindes Europa zieht in den Krieg“). Artikel und Beiträge zum Thema – mehr oder weniger gut und klug – haben Hochkonjunktur; das ist allerdings „being wise after the event“. Oder anders, auf gut deutsch, dieser Artikel und die meisten anderen in diesen Wochen publizierten Beiträge hätten spätestens ab Krim-Annexion und der asymetrischen Donbass-Einnahme erscheinen müssen. Es hat Warnungen, viele gründlich recherchiert, faktenbegründete Veröffentlichungen lange vor der aktuellen Katastrophe gegeben – ich habe mehr als dreißig Bücher gegoogelt. Sehr gut und ausführlich biografisch ist Masha Gessens 2012 erschienenes“Der Mann ohne Gesicht“(guess who …). Es hat darüberhinaus viele kluge Artikel und Beiträge in den Medien (Presse) lange vor der aktuellen Katastrophe gegeben. Bereits in 2007 wurde Anna Politowskajas „Russisches Tagebuch“veröffentlicht – ein Jahr nach ihrer Ermordung. Dieses Tagebuch liest man und weiß dann, was Russland blühen wird und versteht auch das imperiale Aggressionspotenzial – spätestens nach 2014. Stattdessen glaubte „der Westen“, was er glauben wollte und folgte den Flötentönen ins Schlaraffenland der günstigen Energie und Rohstoffe, sogar nach der Annexion der Krim. Als wäre diese Aufgabe der Energie- und Rohstoffsouveränität nicht schon schlimm genug, setzte Deutschland noch eins drauf und überliess Russland noch den Löwenanteil der Lieferkette bis ins eigene Staatsgebiet. Deutschland, das sind nicht nur die Politiker und die Kapitäne unserer Wirtschaft. Das sind wir alle. Wir haben es hier mit einem folgenreichen Fall kollektiver Dummheit zu tun.
Dr.Adelheid Kastner, Psychoterapeutin und Neurologin am Linzer Klinikum hat das Glauben an das, was man glauben will, als Dummheit diagnostiziert und darüber gerade den so getitelten Essay veröffentlicht. In Kastners wohl eher unter dem Eindruck der während der Pandemie so vielfach aufgetretenen Faktenverweigerer oder Alles(Besser-)wisser eben entstandenen Essay geht es vor allem um diejenigen, die Recht auf eigene Meinung mit dem Recht auf eigene Fakten verwechseln.
Kastner äußert sich auch zu den Begriffen, die geistiges Vermögen und mentale Manifestationen beschreiben, z.B.Intelligenz, Klugheit und – last, not least – Weisheit etc.
Man kann z.B.als Analphabet sehr wohl klug, sogar weise sein. Umgekehrt kann ein intelligenter Mensch durchaus dumm sein. Schlaue oder Gerissene sind häufig auf den unmittelbaren Nutzen auf Kosten anderer aus oder der Gesellschaft, in der und mit der sie leben und schaden so häufig indirekt und langfristig sich selbst. Das ist dumm.
Eine Hörempfehlung (Essay + Diskurs im Deutschlandfunk) dazu: https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2022/05/15/toleranz_der_falsche_weg_ue